Geschichte, Kultur und Religion
Stiftsbezirk St. Gallen

Der älteste erhaltene architektonische Plan des Mittelalters

Wussten Sie?

  • 333 Erklärungen zu typischen Klostergebäuden befinden sich auf dem berühmten St. Galler Klosterplan, der um das Jahr 825 entstand.
  • Die um das Jahr 800 hergestellte Alkuin-Bibel hat 840 Seiten und wiegt ca. 20 kg.
  • Der Stiftsbezirk St. Gallen kann auf eine mehr als tausendjährige, einzigartige und lückenlos dokumentierte Geschichte zurückblicken.

Geschichte

Ohne das Kloster hätte es St. Gallen nicht gegeben, denn weder ein Verkehrsknotenpunkt noch eine besondere Lage für die Schaffung einer Stadt. Der Urheber, der wohl aus Irland stammende Gallus, suchte denn auch das Gegenteil: Er wollte sich um das Jahr 612 in eine Einöde zurückziehen, die er im Hochtal der Steinach fand. Und trotzdem wurde die Abtei St. Gallen zu einem der bedeutendsten Klöster Europas. Sie ist für das Verständnis des frühen Mittelalters gar schwer zu umgehen, weisen doch das Stiftsarchiv die grösste Sammlung karolingischer Urkunden und die Staatsbibliothek die wohl reichste Anzahl von Manuskripten, Inkunabeln und Büchern jener Epoche auf. Die heute sichtbare barocke Fürstabtei, die selbst ein Kunstdenkmal ist, hütet das Erbe einer über 1'200 Jahre zurückreichenden Kloster- und Kulturgeschichte.

Die Anfänge des Stifts, das der heilige Otmar um 720 gegründet hatte, waren bescheiden. Es wuchs aber infolge von Güterschenkungen für das Seelenheil und politischer Verbindungen zum karolingischen und ottonischen Hof schnell zu grösster Bedeutung an. Kaiser und Könige des Reiches besuchten es. Das Kloster, ganz im Sinne der Politik Karls des Grossen und seiner Nachfolger, wurde einerseits mit Freigebigkeiten überhäuft, doch wurde es vom Reich anderseits als Werkzeug im Bildungswesen und für die Staatsführung genutzt. So war Abt Grimald (841 – 872) Kanzler, d.h. er hatte eine Stabs- und Schlüsselstellung der Reichsverwaltung inne. Und Abt Salomon (890 – 919) zählte gar während mehr als drei Jahrzehnten zu den einflussreichsten Staatsmännern des Ostfränkischen Reiches.

Den eigentlichen Aufschwung des Klosters hatte Abt Gozbert (816 – 837) eingeleitet, der Kaiser Ludwig dem Frommen nahestand. Unter Gozbert wurde eine mächtige, drei schiffige Klosterkirche erbaut, die grösser war als die Gotteshäuser von Reichenau und Basel. Die Breite entsprach jener der heutigen Kathedrale. Die Bauten wurden vom berühmten St. Galler Klosterplan, dem ältesten erhaltenen architektonischen Plan des Mittelalters, mitbestimmt. Die Kapitelle jener Kirche können noch heute im Lapidarium besichtigt werden. Mit Gozbert begann das goldene Zeitalter von St. Gallen.